Adipositas ganzheitlich behandeln

Adipositas ist mehr als eine Zahl auf der Waage. Adipositas ist eine komplexe, chronische Erkrankung. Sie ist kein Ausdruck mangelnder Disziplin und auch nicht nur eine Frage der Ästhetik. Die Chinesische Medizin richtet den Blick deshalb nicht allein auf Kalorien und Essensmengen. Sie fragt, welche körperlichen, emotionalen und mentalen Prozesse hinter dem Übergewicht stehen und bringt sie wieder in ein stimmigeres Gleichgewicht.

Viele Betroffene kennen den typischen Kreislauf: Sie beginnen Diäten, nehmen ab und dann wieder zu – und verlieren dabei das Vertrauen in den eigenen Körper. Der Kreislauf aus Verzicht und Rückschlägen führt zu einem wachsenden Frust. Der Körper scheint in einer Art „Überlebensmodus“ festzustecken, während jeder neue Versuch, Gewicht zu verlieren, zusätzlichen Druck erzeugt. Eine Behandlung sollte deshalb nicht nur auf die Zahl auf der Waage zielen. Viel wichtiger ist es, den gesamten Menschen zu betrachten und einen Weg zu finden, der körperlich und emotional im Alltag tragfähig ist.

Zugleich ist starkes Übergewicht mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden. Bei einem Body-Mass-Index über 30 steigt unter anderem das Risiko für:

  • Bluthochdruck
  • Insulinresistenz und Diabetes Typ 2
  • Arteriosklerose
  • Gicht
  • Fettstoffwechselstörungen
  • Fettleber
  • Gelenkverschleiß

Die Chinesische Medizin betrachtet Adipositas auf drei miteinander verbundenen Ebenen: körperlich, emotional und mental. Diese Ebenen beeinflussen sich gegenseitig. Erst wenn sie gemeinsam in die Diagnostik und Behandlung einbezogen werden, kann sich eine neue, gesündere Lebenspraxis entwickeln.

Körperliche Ebene: Wenn „Tan“ die Wege blockiert

Natürlich spielt die Ernährung bei Adipositas eine wichtige Rolle. Doch allein zu beobachten, was und wie viel ein Mensch isst, greift aus Sicht der Chinesischen Medizin zu kurz. Wichtiger ist die Frage: Was kommt von der aufgenommenen Nahrung tatsächlich im Organismus an und was kann der Körper verarbeiten, verteilen und wieder ausscheiden? Die Chinesische Medizin spricht von „Tan“, wenn sich Stoffe im Körper ansammeln, die ausgeschieden werden sollten. Mit der Zeit können sich daraus Depots bilden. Erreichen diese eine bestimmte Größenordnung, behindern sie die versorgenden und ausleitenden Wege des Betroffenen. So kann eine widersprüchliche Situation entstehen: Der Teller ist reich gefüllt, der Körper erlebt nach dem Essen dennoch eine relative Unterversorgung. Der Drang, erneut etwas essen zu müssen, hat dann nicht nur mit Gewohnheit oder Willenskraft zu tun, sondern kann auch ein körperliches Mangelgefühl als Grundlage haben.

Zu den möglichen Ursachen aus Sicht der Chinesischen Medizin gehören eine Schwäche der „Mitte“, also ein Milz-Qi-Mangel, Stauungen im Energiefluss wie eine Leber-Qi-Stagnation sowie eine Ansammlung von „Feuchtigkeit“ und „Schleim“.

Emotionale Ebene: Wenn Essen eine Lücke füllt

Menschen haben verschiedene Bedürfnisse, zum Beispiel nach Anerkennung, Nähe, Erfolg, Genuss, Schlaf und Erholung. Nicht jedes Bedürfnis lässt sich jederzeit erfüllen. Eine bemerkenswerte Fähigkeit des Menschen ist, Unzufriedenheit oder Verletzungen in einem Lebensbereich durch etwas Erreichbares in einem anderen Bereich auszugleichen. Essen bietet sich dafür besonders an. Es ist verfügbar, verspricht kurzfristig Genuss und kann für einen Moment beruhigen oder trösten. Die auf Nahrung gerichtete Wunscherfüllung wird bei Adipositas aber zu einem Problem. 

Das bedeutet nicht, dass Betroffene „falsch“ handeln. Es zeigt vielmehr, dass Übergewicht auch eine emotionale Geschichte haben kann, die Aufmerksamkeit und Verständnis braucht.

Mentale Ebene: Die Kraft des Neinsagens

Eigenverantwortung bedeutet nicht, sich selbst die Schuld zu geben. Es bedeutet, die eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Handlungsmöglichkeiten wieder wahrzunehmen. Eine wichtige Fähigkeit ist dabei, „Nein“ sagen zu können. Ein „Nein“ wird aber häufig als Gefahr für die soziale Zugehörigkeit erlebt. Wer es nie gelernt oder im Laufe des Lebens verlernt hat, nimmt vieles in sich auf, passt sich an und verliert zunehmend das eigene Profil. Das kann sich auf die Persönlichkeit auswirken – und möglicherweise auch figürlich sichtbar werden.

In der Behandlung geht es deshalb auch darum, neue mentale Muster zu erproben: Grenzen wahrzunehmen, Entscheidungen bewusster zu treffen und Schritt für Schritt wieder mehr zu sich selbst zu finden.

Der Funktionskreis „Mitte“ verbindet Körper, Gefühle und Denken

Traditionelle Medizinlehren trennen körperliche, emotionale und mentale Vorgänge nicht voneinander. Die Chinesische Medizin sieht den Funktionskreis „Mitte“ als verbindendes System für diese drei Bereiche. Er eröffnet damit eine diagnostische Perspektive, die über das reine Körpergewicht hinausgeht. Die Behandlung richtet sich damit nicht ausschließlich auf Fettdepots oder Essensmengen. Sie fragt ebenso nach Verdauungskraft, Energiefluss, Gewohnheiten, emotionalen Belastungen und der Fähigkeit, im eigenen Leben eine passende Balance zu finden.

Veränderung braucht Zeit. Deshalb folgt das stationäre Therapiekonzept der Klinik am Steigerwald einer Kultur der Langsamkeit. Stoffliche Prozesse sollen neu ausgerichtet, Gewohnheiten verändert und emotionale Herausforderungen bearbeitet werden. Gleichzeitig können neue Formen des Umgangs mit sich selbst erprobt werden. Ein stationärer Aufenthalt in der Klinik am Steigerwald schafft dafür einen geschützten Rahmen. Der Abstand vom Alltag ermöglicht es, die Aufmerksamkeit vollständig auf Behandlung und Regeneration zu richten. Dabei geht es nicht um ein möglichst schnelles Wunschgewicht. Ziel ist ein neuer Ausgleich zwischen Befinden, Bewegung, Verausgabung, Ruhe und Ernährung.

Die fünf Säulen der Behandlung bei Adipositas

Die Therapie versteht sich als Einstieg in eine langsame Entwicklung. Es geht nicht um eine schnelle Abnahme oder um ein festgelegtes Idealgewicht. Nachhaltige Veränderung entsteht erst, wenn körperliche Prozesse, Gewohnheiten, Gefühle und mentale Muster zusammenspielen. Emotionale Themen, die zuvor möglicherweise in den „Pfunden“ gebunden waren, können sichtbar werden. Neue Verhaltensweisen müssen erprobt und im Alltag verankert werden. So kann eine Lebenspraxis entstehen, die besser zum eigenen Befinden passt und zugleich die Belastung durch Folgeerkrankungen verringert. Das Behandlungskonzept bei Adipositas:

  • Chinesische Arzneitherapie: Nach einer ausführlichen Anamnese sowie Puls- und Zungendiagnostik stellen die Ärzte individuelle Rezepturen aus chinesischen Arzneien zusammen. Die Dekokte sollen überschüssige „Feuchtigkeit“ ausleiten und die Lebensenergie stärken.
  • Akupunktur: Gezielte Nadelreize werden eingesetzt, um das Hungergefühl zu regulieren, den Stoffwechsel anzuregen und die psychische Stabilität zu fördern.
  • Ernährungslehre: Strenge Verbote stehen nicht im Mittelpunkt. Stattdessen lernen Patienten, Lebensmittel nach ihrer thermischen Wirkung zu betrachten. Ein warmes Frühstück kann die Verdauungskraft der „Mitte“ stärken. Auch Abendfasten kann ein wichtiger Baustein der Behandlung sein.
  • Körpertherapie: Körpertherapeutische Anwendungen unterstützen die Behandlung von Adipositas und möglichen Folgeerkrankungen. Lymphdrainage kann die Ausleitung begleiten. Psychotonik, Shiatsu oder Massagen helfen dabei, Spannungen wahrzunehmen, das Körpergefühl zu verbessern und den durch die chinesische Arzneitherapie angestoßenen Prozess zu unterstützen.
  • Bewegung: Bewegung soll nicht überfordern, sondern den Zugang zum eigenen Körper neu eröffnen. Sanfte Abläufe des Qi Gong können Stress abbauen und ein positives Körpergefühl fördern. Bogenschießen unterstützt Fokussierung und Spannungsregulation. Spaziergänge im Wald verbinden Bewegung mit der Erfahrung von Innen und Außen, Anspannung und Entspannung.

Aufenthalt in der Klinik 

Die stationäre Behandlung in der Klinik am Steigerwald verbindet moderne Schulmedizin mit Traditioneller Chinesischer Medizin. Eine ausführliche Erstanamnese und tägliche Folgediagnostik ermöglichen es, die Therapie eng an die individuellen Bedürfnisse anzupassen. Hinzu kommen der Austausch mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen und die Vorbereitung auf die Zeit nach der Klinik. Gemeinsam wird ein Plan entwickelt, der die ambulante Weiterbehandlung sichert und einem erneuten Jojo-Effekt entgegenwirken soll. Bei Bedarf können Psychotherapie und ein schulmedizinisches Basisprogramm die Behandlung ergänzen. 

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